Das soziale Netz: wer zahlt, wer bekommt
Das Sozialstaatsprinzip und die fünf Versicherungen
3 Min.Kernfakten
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Jeder Beschäftigte in Deutschland zahlt vom ersten Gehaltszettel an in fünf Versicherungstöpfe ein. Jeder Einwohner — beschäftigt, arbeitslos, im Ruhestand, krank, alt, jung, hier geboren, gerade angekommen — hat einen Anspruch auf einen oder mehrere dieser Töpfe, wenn der Lebensmoment eintritt, für den der Topf gebaut wurde. Die Konstruktion ist älter als das Land in seiner heutigen Form, ist als Prinzip in die Verfassung geschrieben, das kein Parlament aushebeln kann, und ist das einzelne Wirkungsvollste, was der deutsche Staat für die Menschen tut, die in ihm leben.
Dieses Kapitel geht das System aus der Sicht eines Bürgers durch. Das vorige Arbeitskapitel hat gezeigt, woher die Beiträge kommen. Dieses Kapitel zeigt, wohin sie fließen. Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Artikel 20 des Grundgesetzes nennt fünf Staatsmerkmale — demokratisch, sozial, föderal, Rechtsstaat, Republik — und das Wort „sozial" auf dieser Liste ist das, was dieses Kapitel ausfaltet.
Der Verfassungsanker ist kurz. Artikel 20 lautet, in Teilen: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat." Dieses Wort — „sozial" — ist das Sozialstaatsprinzip. Es legt keinen Leistungssatz fest, keinen Rentenwert, keine Höhe der Arbeitslosenunterstützung. Es sagt: Der deutsche Staat ist von Verfassungs wegen ein Staat, der seine Einwohnerinnen und Einwohner gegen die großen Risiken eines Arbeitslebens schützt: Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit, Unfall, Pflegebedürftigkeit.
Das deutsche Sozialversicherungssystem hat fünf Säulen. Otto von Bismarck, der deutsche Reichskanzler der 1880er Jahre, baute die ersten drei zwischen 1883 und 1889, um der aufstrebenden Sozialdemokratie das Wasser abzugraben. Die vierte kam unter Weimar dazu, die fünfte 1995. Sie heißen:
- Krankenversicherung — Bismarck, 1883
- Unfallversicherung — Bismarck, 1884
- Rentenversicherung — Bismarck, 1889
- Arbeitslosenversicherung — Weimarer Republik, 1927
- Pflegeversicherung — 1995 unter Helmut Kohl
Zusammen decken sie die großen Erschütterungen ab.
Zu welcher Versicherung gehört die Pflegeversicherung?
Sozialversicherung.
Die fünf passen unter ein Dach.
Das Geld fließt aus Beiträgen, nicht aus dem allgemeinen Haushalt.
Womit finanziert der deutsche Staat die Sozialversicherung?
Sozialabgaben.
Jede Säule hat einen eigenen Beitragssatz, der vom Bruttolohn abgezogen wird; Arbeitgeber und Arbeitnehmerin teilen ihn grob hälftig. (Die Unfallversicherung ist die Ausnahme: Sie wird allein vom Arbeitgeber finanziert, in der Logik, dass Arbeitsunfälle in den Verantwortungsbereich des Arbeitgebers gehören.)
Wer bezahlt in Deutschland die Sozialversicherungen?
Arbeitgeberinnen/Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmer.
Das System wird von denen getragen, denen es dient, während sie dienen.
Eine Prüfungsfrage zieht die Linie um die Sozialversicherung, indem sie etwas nennt, was NICHT zu ihr gehört.
Was gehört nicht zur gesetzlichen Sozialversicherung?
die Lebensversicherung.
Eine Lebensversicherung ist ein privater Vertrag mit einem kommerziellen Versicherer. Sie ist nicht Teil des fünfsäuligen staatlichen Systems. Der deutsche Staat führt eine Rente; daneben kann man eine Lebensversicherung abschließen; beides sind verschiedene Kategorien.
Eine zweite Frage zieht die Linie noch einmal, indem sie etwas nennt, was NICHT zu den Staatsaufgaben gehört.
Der deutsche Staat hat viele Aufgaben. Welche Aufgabe gehört nicht dazu?
Er bezahlt für alle Staatsangehörigen Urlaubsreisen.
Der deutsche Staat bezahlt vieles — Schulen, Straßen, Renten, Krankenhausrechnungen — aber Urlaubsreisen gehören nicht dazu. Der Sozialstaat ist ein Sicherheitsnetz, kein Reisezuschuss.
Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.